Schreiben extrem // #1

Schreiben extrem 2015

Da sind wir also wieder.

Vor genau einem Jahr habe ich mich in die Wildnis aufgemacht und den dritten Teil der Nachtsonne fertiggeschrieben. Ohne es zu planen, kam mir zu dieser Zeit außerdem die zündende Idee zu Coherent. Nachdem dieses Buch nun im letzten Monat seinen Weg in den Handel gefunden hat, werfe ich mich in das nächste Projekt.

 

 

Meine erste, apokalyptische Geschichte – Another Day in Paradise – steht bereits in der Rohfassung. Mit knapp über 100.000 Wörtern habe ich genug Stoff, den es zu überarbeiten gilt. Außerdem möchte ich beim Coherent Hörbuch endlich weiterkommen.

Ich befinde mich also, ziemlich genau zwölf Monate nach meinem letzten Abenteuer auf dem Land, wieder an Ort und Stelle, bereit, kreativ loszulegen.

 

Tag 1

verlief unspektakulär. Die Familie fand sich zusammen und feierte Daddy Newmans Geburtstag. Der Mann ist nicht kleinzukriegen und bekam leckeren Kuchen und eine wahnsinns Grillorgie.

Nachdem ich mit meiner – ich glaube man nennt unsere familiäre Verbindung – Base einen kurzen Abstecher zum örtlichen Supermarkt gemacht habe, ist meine Stimmung auf dem Höhepunkt. Als ich meine roten Pall Mall auf das Laufband pfeffere, fragt die Kassiererin nach meinem Ausweis. Wow! Keine drei Wochen ist es her, da bin ich gealtert und nun hält sie mich für 17. Schöner kann die Schreibreise gar nicht beginnen.

Wieder zurück auf dem familiären Hektar, verabschiede ich alle und verbringe sagenhafte 40 Minuten damit, die Tische und Stühle auf der Veranda herumzuschieben. Warum? Keine Ahnung. Ich bilde mir ein, besser arbeiten zu können, wenn der Raum nach meinen Vorstellungen eingerichtet ist. Völliger Bullshit, da ich heute ohnehin nichts mehr schaffen werde.

Dieser erste Tag, und vor allem die erste Nacht, ist immer purer Nervenkitzel und dient bloß der Eingewöhnung. Als Stadtkind fällt es mir schwer, ohne Straßenbeleuchtung und urbane Geräuschkulisse ins Bett zu gehen. Hier sagen einem die Frösche und Eichhörnchen gute Nacht, die Tauben guten Morgen und geduscht wird hinter der Hecke mit dem Gartenschlauch. An Arbeit ist heute Abend also eigentlich nicht mehr zu denken. Ich werde mich mit der untergehenden Sonne im Haus verrammeln und beten, dass ich all die Gedanken an Horrorfilme vor dem Schlafengehen verdrängen kann.

Überhaupt läuft alles noch nicht so richtig rund. Ich habe mir vorgenommen, während der Zeit hier, zu vloggen. Aber die ersten paar Sequenzen habe ich versehentlich im SlowMo aufgenommen, weil die Kamera noch die Einstellungen aus meinem letzten Produkttest-Video hatte. Der filmische Einstieg wird also entweder total blöd oder besonders cool. Je nachdem, wie meine Zuschauer eine Anreise im Schneckentempo finden werden. Hehe …

Außerdem schüttet es seit dem Nachmittag wie aus Eimern. Die Kälte kriecht mir in die Knochen und dann ist da ja auch noch diese Sache mit letzter Woche. Als ich mich vor drei Jahren selbstständig gemacht habe, stellte ich mir diese Tätigkeit sehr flexibel vor. Spät aufstehen. Selbstbestimmtes Arbeiten und Freiheit, in allem was ich tue. Um es mit den Worten des einmaligen LeFloid zu sagen: Meh!

Nix da! In dem Wissen, dass ich nun fünf Tage lang im Nirvana hausen werde, war die ganze letzte Woche mit Arbeit, Arbeit, Arbeit gespickt. Jede Nacht habe ich bis drei, vier oder sogar fünf Uhr morgens geackert. Meine Knie zittern, mein Kopf ist wattig. Der Akku ist leer. Aber gerade deshalb bin ich ja hier. Frische Luft. So es der nordische Gott will, etwas Sonne und neue Ideen. Mal den Kopf freikriegen.

Somit endet mein erster Tag in der Wildnis mit dem innigen Wunsch nach Schlaf. Eigentlich ein guter Start. Morgen erfinde ich mich neu 😀

 

Tag 2

Puh! Die erste Nacht ist bewältigt. War gar nicht so schlimm. Einmal hat es nachts im Haus irgendwo geraschelt, doch ich bin mir ganz sicher, es Piepsen gehört zu haben, also war es wohl eine Maus und mit Mäusen kann ich leben. Nur Viecher mit acht Beinen oder Schlangen machen mir Sorgen.

Das Wetter ist nicht so prall heute. Ein wenig frisch um’s Beinchen ist es, so am morgendlichen Kaffeetisch, aber ich bin trotzdem ganz glücklich mit meinem zurückerlangten Einsiedlerdasein. Ich habe es vermisst. Einzig der immer noch penetrant in der Luft hängende Düngemittelgeruch, stört die Idylle. Irgendein Bauer hatte das gestern Abend noch ins Rollen gebracht und ordentlich Mist verteilt.

 

 

Was diese ersten Tage in der Wildnis betrifft, so ist der Titel der Blogreihe wohl etwas irreführend. Es ist nämlich so, dass auch heute wieder nicht viel am Manuskript getan wird. Gegen mittag reiten meine lieben Eltern auf den Hof. Wir wollen endlich ein wenig auf dem Grundstück tun. Bäume schneiden, vielleicht mal den Zaun streichen. Was eben so anliegt. Ich fürchte, vor nächster Woche wird bei ADIP nicht viel passieren. Vielleicht ist es aber auch mal ganz gut, den Kopf ein wenig frei zu kriegen. Sich mal auf andere Dinge zu konzentrieren, um dann wieder voll durchstarten zu können.

Sowieso, habe ich mich zu Beginn dieses ersten Tages in der freien Natur ganz anderen Herausforderungen zu stellen. Ich hatte es beinahe vergessen, wie bitter-, bitterkalt so eine Gartenschlauchdusche sein kann. Ich versuche mich selber auszutricksen und stelle mir ein leckeres Porridge als Belohnung in Aussicht. Drei Minuten Kälte. Was ist das schon, wenn man hinterher genießen darf?

 

Porridge

Ich entledige mich also all meiner Klamotten, pirsche mich, nur mit einem winzigen Handtuch bedeckt, quer über den Hof und zische hinter den Schuppen. Die einzige Stelle in Reichweite des Schlauchs, die man von außen schlecht einsehen kann. Wasser an, dreimal Schnappatmung und los geht’s. Meine Fresse! Ich kann es kaum beschreiben. Auf jeden Fall ist man danach wach. Wir haben 16°C und ich fühle mich wie neugeboren. Wenn man den ersten Horror mal hinter sich hat, ist es ein unbeschreibliches Gefühl. Babypo-mäßig.

 

Beim nächsten Mal brauche ich das Porridge bestimmt nicht mehr als Anreiz. Schmeckt trotzdem toll!

 

Der Rest des Tages besteht aus dem Streichen des Hauses, dem Einölen der Metallmöbel und ein paar außer Kontrolle geratene Zweige und Äste müssen auch dran glauben. Zwischendrin läuft mir immer wieder die Maus über den Weg. Ich habe keinen blassen Schimmer wie lange so Feldmäuse leben, aber ich könnte schwören, sie im letzten Jahr auch schon getroffen zu haben. Auf jeden Fall lässt sie sich durch unser lautes Treiben nicht stören. Jeder hat halt seine eigenen Baustellen.

 

 

Gegen Abend gibt’s was zu Essen und ich starte einen aussichtlosen Versuch mir über Amazon eine Folge Lost reinzuziehen. Das Internet hier ist echt frustrierend schlecht. Allein diesen Blogpost zu verfassen und mit Bildern anzureichern, kostet mich zwei Tage und unzählige, hypnotisierende Fortschrittbalken. Wirklich zermürbend, aber ich bin ja auch nicht wegen der Internetanbindung hier, sondern zum Kraft- und Ideentanken.

Wo wir gerade dabei sind.

Im letzten Jahr kam mir hier auf dem Land die Idee zu Coherent. Wer meinen Blogbeitrag zur Entstehung gelesen hat, weiß, dass ein Schuh den Anstoß gegeben hat. Ich bin ehrlich … ich hatte nicht erwartet, dass mir so ein Einfall erneut zufliegen würde, nur weil ich mich unter selben Bedingungen dem Landleben hingebe. Und doch …

Ich pinsele gerade mit etwas Ballistol (übrigens laut meiner letzten Apokalypsen-Recherche auch wunderbar dazu geeignet seine Beretta zu pflegen) an einem Stuhl herum, da durchzuckt mich dieser erste, unbezahlbare Gedanke zu einer neuen Geschichte. Natürlich werde ich jetzt noch nichts verraten, aber ich gestehe, dass ich schon ziemlich erleichtert war. Wie gesagt, ich hatte nicht darauf gebaut, hier eine Erleuchtung zu erlangen, aber dagegen wehren werde ich mich auch nicht.

Wenn ich hin und wieder mal einen schneckigen Blick auf Facebook erhaschen kann, scheint es so, als klängen die letzten Auswirkungen des Poststreiks endlich ab. Autogramm- und Ohrringlieferungen erreichen ihre neuen Besitzer.

 

 

Einzig das Wetter drückt ein wenig auf die Stimmung. Gerade abends ist es wirklich sehr kalt. Deswegen habe ich gar keine Lust lange aufzubleiben und zu arbeiten. Ich hoffe, das ändert sich im zweiten Einsiedlerintervall nächste Woche noch.

Damit endet mein erster Beitrag zum alljährlichen Einsiedlerleben. Wer mich lieber in bewegten Bilder sehen will, kann sich das neue Video anschauen, das heute online gegangen ist. Da geht es um meine Lieblingsbücher 2015.

 

Lasst euch nicht von den Mäusen ärgern,

Laura Newman

 

 

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