Leseprobe: Jonah

Jonah

Am späten Nachmittag des folgenden Tages wird das Ergebnis meiner Nacht-und-Nebel-Aktion zunichtegemacht, als Jonah urplötzlich vor meiner Tür steht. Er trägt ein Shirt mit dem Emblem einer Band darauf, von welchem ich glaube, es auf den alten Platten meines Dads schon mal gesehen zu haben.
»Lust, was zu unternehmen?«, fragt er mich ohne Umschweife und ohne auch nur Hallo zu sagen.
Ich kann nicht anders, als ihn fassungslos anzustarren.
»Ist das ein Nein?«, hakt er nach und grinst wieder so schief.
»Ich …«, setze ich an, weiß aber beim besten Willen nicht, was ich darauf erwidern soll. Meint er es ernst? Wir haben vor ein paar Tagen zwei Worte miteinander gewechselt und nun sind wir beste Freunde? Und wo kommt er jetzt auf einmal her? Wo war er die ganze Zeit?
»Wir können auch einfach weiter hier stehen und uns anstarren«, bietet er an. »Allerdings hatte ich eher an etwas, das ein wenig mehr Interaktion beinhaltet, gedacht. Ich habe gesehen, dass du ein Board hast«, sagt er, ohne meinen unverändert verwirrten Gesichtsausdruck zu beachten, und deutet auf mein Longboard, das neben der Tür an der Hauswand lehnt. »Wir könnten ins Dorf fahren und irgendwo was essen oder einfach nur rumfahren. Worauf du Lust hast.«
Er blickt mich fragend an, während ich mich räuspere und nach den richtigen Worten suche.
»Jonah«, beginne ich zaghaft.
»Super!«, fällt er mir ins Wort. »Du kennst meinen Namen noch. Das ist ein Anfang.«
»Jonah«, wiederhole ich und hebe eine Hand, um ihn zum Schweigen zu bringen, »wir kennen uns kaum. Um ehrlich zu sein, ich halte das für keine gute Idee …«
»Nur eine Stunde, oder zwei«, wirft er ein. »Wenn es dir keinen Spaß macht, darfst du mich ab morgen ignorieren. Versprochen.«
Ich grunze leise auf.
»Dich zu ignorieren, fällt leicht. Du bist ja nie da.«
Er hebt eine Augenbraue.
»Du hast nach mir Ausschau gehalten?« Er wirkt erfreut.
»Natürlich nicht«, wehre ich ab und spüre die Röte schon wieder in meinem Gesicht. »Ich wohne gleich nebenan. Da kriegt man eben mit, wer kommt und geht oder in deinem Fall«, sage ich mit zusammengekniffenen Augen, »wer nicht kommt und geht.«
Er zuckt mit den Achseln. »Hatte zu tun.«
»Und deine Großeltern?«, stochere ich weiter.
»Die sind …«, er hält kurz inne und wirkt plötzlich unsicher auf mich. Doch dann erhellt sich seine Miene und er verkündet: »Die sind auf Kreuzfahrt. In der Karibik. Oder irgendwo anders, wo man Drinks mit Schirmchen serviert. Hab’s vergessen.«
Ich runzele die Stirn. Entweder ist gerade Seniorenreisezeit und neben meiner Gran haben noch andere Pächter das Weite gesucht oder der Kerl lügt wie gedruckt. Auf keinen Fall werde ich mit ihm irgendwo hingehen. Vermutlich hält er die K.-o.-Tropfen schon bereit.
»Du bist nicht der Enkel der Carsons, nicht wahr«, platze ich heraus und beiße mir sofort auf die Lippen. Wenn ich recht habe, dann bekommt er jetzt vielleicht Panik und fesselt mich gleich hier an einen Stuhl.
Jedoch wirkt Jonah keineswegs panisch. Er sieht eher belustigt aus. Eine Hand wandert hinter seinen Rücken und ich halte erschrocken die Luft an. Irgendwie erwarte ich, dass er eine 9 mm zieht, doch er lacht bloß kopfschüttelnd und bringt ein abgegriffenes Portemonnaie zum Vorschein.
»Hier«, sagt er, nachdem er eine Weile darin herumgekramt hat, und hält mir seinen Ausweis unter die Nase.
Neben einem Foto, auf dem er ziemlich ernst und viel erwachsener als in diesem Moment auf mich wirkt, steht dort der Name »Jonah Alan Carson«. Ich schnappe nach der kleinen Karte, doch er zieht sie weg und steckt sie wieder in das Fach neben die Geldscheine. Dafür holt er nun ein zerknicktes Foto hervor. Er hält es hoch und erklärt: »Das bin ich, das sind meine Eltern, das sind meine Großeltern und aufgenommen wurde das Bild letztes Jahr drüben auf der Terrasse. Zufrieden?«, fragt er ungeduldig, jedoch nicht unfreundlich.
Ich begutachte die Aufnahme genau. Es stimmt. Ich erkenne das Haus der Carsons im Hintergrund und ihn natürlich auch. Den Rest der Familie kenne ich nicht, aber was macht das schon. Mehr Beweise kann ich wohl kaum verlangen.
»Schön«, sage ich schulterzuckend. »Dann bist du eben der Enkel der Carsons. Das bedeutet noch lange nicht, dass ich einfach so mit dir um die Häuser ziehe. Du kannst doch nicht einfach hier aufkreuzen und erwarten, dass ich alles stehen und liegen lasse, nur weil dir langweilig ist.«
Zufrieden über meine klare Ansage lehne ich mich gegen den Türrahmen und verschränke die Arme vor der Brust. Im selben Moment frage ich mich, wieso ich eigentlich so widerspenstig bin.
Jonah verlagert sein Gewicht ein wenig und späht an mir vorbei auf die Veranda. Bis zu seinem Auftauchen hatte ich dort gesessen und auf dem kleinen Tisch liegen noch eine Zeitschrift und ein halb aufgegessener Erdnussbutterschokoriegel.
»Du bist also schwer beschäftigt, ja?«, meint er und sieht mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. Er hebt einen Arm und lehnt sich direkt neben mich gegen die Hauswand. Meine Wangen beginnen erneut zu kribbeln, aber ich versuche, ganz cool zu bleiben. Was mir beim Anblick seines angespannten Bizeps jedoch ziemlich schwerfällt.
»Gibt es sonst noch was?«, frage ich, ohne auf seinen belächelnden Unterton einzugehen.
Er sieht mich noch eine Weile an, doch dann scheint er endlich zu kapieren, dass es hoffnungslos ist.
»Schön«, erklärt er und hebt dabei beide Hände über den Kopf. »Ich weiß, wann ich geschlagen bin. Also kein Date mit Emily. Einen Versuch war es wert.«
»Date?«, krächze ich.
Er lacht laut auf. »Wäre es denn schlimm, wenn es eins ist? Hast du einen Freund? Und wenn ja, wo versteckst du ihn?«
»Nein, ich … also das geht dich gar nichts an!«, schimpfe ich und komme mir dabei total dämlich vor.
Er beginnt, sich langsam zurückzuziehen, und tänzelt dabei fast schon über den Rasen. Nun sehe ich auch sein Board im Gras neben dem Haus liegen. Eigentlich ein schickes Teil, ziemlich groß, mit knallgrünen Rollen. Ich werfe einen Blick auf mein eigenes, das traurig an der Wand lehnt. Seit ich angekommen bin, war ich noch nicht einmal damit unterwegs, dabei habe ich total Lust darauf. In der Umgebung gibt es endlos lange Teerwege, umgeben von Weideflächen. Auf diesen Wegen fahren kaum Autos und ich habe mich schon die ganzen letzten Wochen darauf gefreut, endlich mal wieder richtig Pushen zu können.
Als ich wieder aufblicke, hat Jonah seinem Board bereits einen Tritt verpasst und die Spitze saust seiner ausgestreckten Hand entgegen. Lässig schlendert er über die Wiese und sieht sich nicht noch einmal nach mir um.
Ich seufze leise auf. Was soll’s …
»Jonah?«, rufe ich. Er dreht sich langsam um. »Warte. Ich ziehe mir nur schnell andere Schuhe an.«

Zwanzig Minuten später befinden wir uns an der Weggabelung, von der aus es in Richtung Dorf geht. Wir blicken uns kurz an, dann fragt Jonah: »Menschen oder Einöde?«
Ich überlege eine Sekunde lang und entscheide mich dann für die dritte Option.
»Bahnschienen«, entgegne ich geheimnisvoll lächelnd, doch wenn ich gedacht hatte, ihn mit meinen geografischen Kenntnissen um die Gegend beeindrucken zu können, habe ich mich wohl geschnitten.
»Woher kennst du meinen Lieblingsplatz?«, fragt er grinsend und stößt sich schwungvoll mit einem Bein vom Boden ab, um die vor uns liegende Kurve zu nehmen.
Ich steige ebenfalls wieder auf mein Board und folge ihm. Er muss genauso neue Kugellager haben wie ich, denn beide Boards geben kaum Geräusche von sich, als wir über den dunkelgrauen Asphalt düsen.
»Jetzt mal ehrlich«, sage ich. »Du tust doch nur so, als würdest du dich hier auskennen. Vor dem letzten Sommer habe ich dich noch nie zuvor gesehen. Familienfotos hin oder her, du kannst doch höchstens zwei- oder dreimal hier gewesen sein.«
Er weicht einem ziemlich großen Kiesel aus und hält problemlos sein Gleichgewicht, als das Board dabei leicht ins Schlingern gerät.
»Wieso interessiert dich das eigentlich so?«, fragt er, ohne mich anzusehen. »Ich meine, wieso ist es wichtig, ob ich oft oder nur gelegentlich hier bin? Ob ich weiß, wo ich langfahren muss oder nicht?«
Ich würde ihm gerne die Wahrheit sagen. Dass ich es nicht mag, wenn jemand meinen liebsten Ort auf der Welt, meinen Garten, meine Zuflucht kennt. Dass dies hier meine Teerwege, meine Weiden und meine Bahngleise sind. Dass ich mit dieser Gegend spaßige Heimwerkerexperimente mit Grandpa verbinde und mich gerne an ausartende Grillorgien erinnere. Feste und Zusammenkünfte mit der Familie, bevor sich die Gemeinschaft ausgedünnt hat. Bevor Tanten, Großonkel und Großväter krank wurden und von der Bildfläche verschwanden. Aber ich fürchte, er hält mich dann für verrückt. Niemand kann eine Ortschaft, ein Territorium für sich beanspruchen. Schon gar nicht ich. Ich zahle ja nicht einmal Miete! Außerdem fällt es mir in seiner Gegenwart irgendwie schwer, die richtigen Worte zu finden. Seine ganze Erscheinung und wie er mich ständig mit seinen grasgrünen Augen ansieht, bringen mich völlig aus dem Konzept.
Ich spiele also wieder die Zicke. Das fällt mir in Jonahs Gegenwart irgendwie ziemlich leicht und ich kann diesen neuen Wesenszug gar nicht an mir leiden.
»Ich finde es eben seltsam. Du tauchst eines Tages einfach auf, feierst einen Sommer lang mit deinen Kumpels ab und nun tust du so, als wären wir alte Freunde. Stehst einfach vor meiner Tür und planst Ausflüge.«
Er braucht einen Moment, bis ihm eine Erwiderung darauf einfällt. Wir passieren bereits die kleine Brücke. Bald werden wir nicht weiterfahren können und unsere Boards tragen müssen. Die Schotterwege auf diesem Areal sind Mist.
»Ich könnte dasselbe über dich sagen«, erklärt er schließlich. »Um ehrlich zu sein, wundert es mich, dass du dich an mich erinnerst. Ich für meinen Teil hab dich vor deiner Wet-T-Shirt-Aktion noch nie gesehen.«
Ich komme ins Straucheln und muss mit meiner gesamte Fahrerfahrung aufwarten, um nicht kopfüber im Graben zu landen. Die Sache mit dem Gartenschlauch wird er anscheinend nicht so schnell ruhen lassen …
»Das ist wohl kaum meine Schuld«, antworte ich bissig, als ich endlich wieder sicher auf dem Board stehe. »Ich komme schon mein ganzes Leben lang her! Ich bin mir auch sicher, dass deine Großeltern mich schon kannten, als ich noch nicht einmal laufen konnte. Meine Gran hingegen hat vermutlich noch nie von dir gehört. Würde mich jedenfalls nicht wundern …«
Wie erwartet wird der Weg unbefahrbar und wir klemmen uns die Boards unter die Arme. Von hier aus kann man die Gleise bereits sehen. Ich komme gerne her, weil die Gegend mich irgendwie an die apokalyptischen Geschichten erinnert, die ich so gerne lese.
»Da liegst du falsch«, erklingt Jonahs Stimme hinter mir. Ich höre, wie er mit Anlauf über eine riesige, verrostete Kabeltrommel springt, die ich zuvor umrundet hatte.
»Womit?«, frage ich.
»Deine Grandma kennt mich. Oder zumindest weiß sie, wer ich bin.«
»Echt?«, frage ich aufrichtig überrascht.
»Klar«, meint er und schließt zu mir auf. »Sie hat sich übel bei meiner Großmutter beschwert, wegen der lauten Musik und dem ganzen Müll. Darum habe ich mich die letzten Tage auch nicht bei euch blicken lassen. Ich glaube, sie kann mich nicht sonderlich gut leiden.«
Also weiß er, dass Gran weggefahren ist? Oder ist es purer Zufall, dass er sich heute auf unser Grundstück getraut hat? Hat er uns etwa beobachtet? Ich verziehe das Gesicht. »Da könntest du recht haben«, stimme ich zu.
»Da sind wir«, sagt er und bleibt unentschlossen stehen.
Ich lasse mein Board ins Gras neben den Schienen fallen und setze mich darauf. Jonah macht es mir nach. Um uns herum zirpen Grillen und Vögel picken Zeug aus dem Boden. Es ist ein richtig schöner Sommertag. Genauso, wie ich sie mag.
»Vorschlag«, höre ich Jonah sagen und wende mich ihm zu. »Wenn es dich wirklich so stört, dass wir etwas zusammen unternehmen, ohne uns gut zu kennen, tun wir doch etwas dagegen.«
»Und was?«, frage ich argwöhnisch.
»Da gibt es so ein Spiel«, erklärt er und stützt die Ellenbogen auf die Knie auf. »Ich sage hintereinander ein paar willkürliche Begriffe. Dinge, die mir eben so einfallen. Und du musst dann ganz schnell deinen ersten Gedanken dazu laut aussprechen. Du darfst nicht zögern. Einfach raus damit.«
»Was soll das bringen?«, frage ich wenig überzeugt.
»Wirst du schon sehen«, gibt er zurück und fügt hinzu: »Machen wir einen kleinen Testlauf.«
Ich bleibe skeptisch, äußere jedoch keine weiteren Einwände.
»Sommer«, sagt er.
Ich schaue ihn irritiert an.
»Nicht zögern!«, schimpft Jonah und wedelt auffordernd mit einer Hand. Dabei lächelt er mich aufmunternd an.
»Gran«, sage ich augenverdrehend.
»Sehr schön«, meint er und startet einen zweiten Versuch: »Turnschuh.«
»Longboard«, sage ich wie aus der Pistole geschossen. Allmählich verstehe ich das System dieses Spiels. Intuitiv breitet man seine Gedanken vor dem anderen aus, ohne etwas zu verbergen oder groß darüber nachzudenken.
»He, Moment mal!«, interveniere ich, bevor er den nächsten Begriff auf’s Tableau werfen kann. »So erfährst zwar du etwas über mich, aber andersherum bin ich immer noch nicht schlauer!«
»Wir wechseln uns ab«, gesteht er zu und erklärt: »Es funktioniert nur, wenn man viele Wörter schnell hintereinander abfragt.« Er überlegt kurz. »Sagen wir fünf, ja? Fünf Fragen für jeden, dann wird gewechselt.«
»Okay …«, stimme ich zu und bin tatsächlich ein bisschen aufgeregt. Was, wenn ich etwas Peinliches sage. Etwas, das ich vor ihm sonst nie einfach so laut aussprechen würde?
»Dann los«, beschließt er seltsam amüsiert und denkt kurz über seine erste von fünf Fragen nach. Schließlich sagt er: »Unterricht.«
»Langweilig«, schieße ich zurück.
»Geriebene Karotten.«
Ich stutze kurz, erwidere dann aber sofort: »Erkältung.«
Er grinst.
»Football.«
»Samantha Timberly«, feuere ich zurück und erröte umgehend.
»Wer ist Samantha Timberly?«, fragt er verwundert.
Ich verdrehe die Augen und erwidere: »So eine blöde Cheerleader-Kuh aus meiner Klasse. Ehemalige Klasse«, verbessere ich mich schnell. »Ist ja nun vorbei, die ganze Schulsache.«
»College?«, fragt er sofort und ich bin ein wenig verwirrt.
»Ist das dein nächstes Wort oder eine normale Frage?«
»Wie du willst«, entgegnet er, also sage ich bloß: »Durham, North Carolina.«
Eine Sekunde lang scheint ihn das aus dem Konzept zu bringen. »Du gehst an die Duke?«
Ich nicke stolz. Noch immer kann ich es nicht fassen, dass ich angenommen wurde. Er runzelt noch einmal kurz die Stirn und fährt dann fort.
»Zaun.«
»Jonah.«
Autsch!
Das ging nach hinten los. Ich möchte mir am liebsten mein Board gegen die Stirn schlagen.
»Interessant«, stellt er erfreut fest und streckt die Beine aus. »Du bist dran.«
Ich versuche, mich etwas zu entspannen, und bin froh, dass ich nun eine Antwort-Pause bekomme. Allerdings ist es gar nicht so einfach, sich Fragen einfallen zu lassen. Ich muss eine ganze Weile überlegen, bis ich loslegen kann.
»Samstagabend«, läute ich seine erste Runde ein.
Wie aus der Pistole geschossen kommt: »Rummachen.«
Ich runzele die Stirn, doch er sieht mich nur erwartungsvoll an.
»Weihnachten.«
»Scheidung.«
Herrje …
»Internet.«
»Let’s Plays.«
Doppelt herrje!
»Bier.«
»Fass.«
Ich seufze leise auf und präsentiere meinen letzten Begriff. Allem Anschein nach habe ich einen waschechten Proleten vor mir. Die Art jugendliches Exemplar, über das die Medien behaupten, es würde nur vorm Computer hocken und keinen Gedanken an seine Zukunft verschwenden.
»College.«
Jonah hebt eine Augenbraue, ob der doppelt gestellten Frage, antwortet jedoch artig: »Nervig.«
»Wer bist du?«, frage ich kopfschüttelnd. »So ein Highschool-Rebell, der nur an die nächste heiße Tussi und kaltes Bier denkt?«
Er zuckt mit den Achseln. »Du wolltest, dass wir uns kennenlernen«, lautet seine knappe Antwort. Ich habe das Gefühl, dass meine Worte ihn getroffen haben, dennoch wirft er mir meinen ersten von fünf Begriffen hin, ohne weiter auf meine Behauptungen einzugehen. Und ganz offensichtlich fährt er nun härtere Geschütze auf.
»Angst.«
»Tod«, entfährt es mir.
»Traum.«
»Fliegen.«
»Verliebt.«
Ich bleibe stumm. Mir will einfach nichts einfallen.
»Echt jetzt?«, fragt er verwundert. »Zu ›Verliebt‹ fällt dir nichts ein? Gar nichts?«
»Ich, äh … nein. Nicht so richtig.«
»Erstaunlich«, murmelt er und geht zum letzten Wort in dieser Runde über.
»Hobby.«
»Lesen.«
Ein Zug nähert sich in hohem Tempo und verordnet uns eine Zwangspause. Allmählich bezweifele ich, dass dieses Spiel eine gute Idee war. Zumindest habe ich das Gefühl, den Kürzeren zu ziehen.
»Letzte Runde?«, fragt Jonah, als die hinteren Waggons des Zugs weit genug entfernt sind, um wieder in normaler Lautstärke miteinander reden zu können.
»In Ordnung«, sage ich.
Es ist jetzt beinahe gespenstisch leise um uns herum. Vermutlich verhielt es sich vor dem Zug genauso, aber jetzt erscheint mir die Stille geradezu ohrenbetäubend.
»Kino«, beginne ich und die Antwort fällt wie erwartet aus.
»Dwain Johnson.«
»Wunschtraum.«
»Mehr.«
»Mehr?«, hake ich nach. »Ernst gemeint? Mehr, wie ›mehr haben wollen‹?«
Ich hoffe insgeheim, dass er einfach bloß ans Meer ziehen will, doch sein unschuldig dreinblickendes Nicken eliminiert diese Interpretation umgehend. Jonah will also einfach … mehr. Fein. Ich fahre kopfschüttelnd fort.
»Welt.«
»Reise.«
»Hunger.«
»Hotdogs mit Chili-Käsesoße.«
Ich kann mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. Genauso mag ich sie auch am liebsten. Dann überlege ich mir meine letzte Frage und wähle sie mit Bedacht.
»Emily.«
»Hübsch.«