Schreiben extrem // #4

Schreiben extrem 2015

Wenn man die Augen aufschlägt und den Weckerton erwartet, stattdessen aber in regelmäßigen Abständen seltsame Plopp-Geräusche von der Zimmerdecke hallen. Dann, ja dann ist man in der Wildnis.

Eigentlich sollte ich dem Eichhörnchen, das über meinem Schlafzimmer im Baum sitzt und eine Nuss nach der anderen knackt, dankbar sein. Ich habe meine beiden Wecker nämlich nicht gehört. Das kontinuierliche Aufprallen der leeren Nussschalen jedoch, ist unüberhörbar. Sobald ich mich wach genug fühle, klettere ich auf der Terasse auf den Tisch und versuche ein paar Filmaufnahmen von der Aktion im Baum zu machen. Ich hätte auch einfach auf den Baum klettern und ordentlich Krach machen können. Das Tier interessiert sich nämlich ebenso wenig für mich, wie die großen Verlage oder so mancher Mitarbeiter der Kundenhotline meines Internetanbieters.

Wenigstens bin ich nun wach und bereit für den Tag.

Gestern war es brüllend heiß. Trotzdem habe ich mir gegen sieben Uhr mein Longboard geschnappt und habe mal die Wege in der näheren Umgebung ausgetestet. War echt toll. Ich hab sogar die Szene aus Titanic nachgestellt und bin mit ausgebreiteten Armen und wehendem Shirt zwischen zwei Feldern entlanggerollt. Und ich habe eine Reh gesehen, das irgendwie gar keine Angst vor mir hatte. Dumm nur, dass ich mich anschließend total verfahren hab und viel zu spät zurück in meiner Behausung ankam. So wurde es knapp, mit dem Arbeiten im Freien, denn die Dunkelheit überrascht einen im August nun von einer auf die andere Sekunde.

 

 

Trotzdem ist es mir gelungen, in meinen ersten beiden Tagen hier, vier Kapitel für das neue Buch zu schreiben. Erste Kapitel haben ja immer so ihre Vor- und Nachteile. Es soll nicht zu langweilig sein, man will den Leser schließlich von Anfang an packen, gleichzeitig darf man nicht schon auf den ersten zwanzig Seiten sein ganzes Spannungspulver verschießen. Ich gebe mein Bestes und heute ist Kapitel fünf an der Reihe.

Was Kapitel angeht, so sind auch die Testleser voll dabei. Daddy Newman hat sich in nur 1 1/2 Tagen bis zu Kapitel 31 vorgearbeitet. Nun dürfte klar sein, wem ich es zu verdanken habe, dass ich so gerne und viel lese. Steffi fliegt ebenso schnell durch die Seiten und verbringt anscheinend inzwischen die Nächte mit #ADIP. Sie schrieb noch gestern Nacht, sie sei fertig und war ganz traurig, dass es nun vorbei ist.

Für alle Testleser habe ich auf meinem Blog einen Bereich eingerichtet, wo sie mir ihre Anmerkungen übermitteln können. Es ist sehr spannend, die unterschiedliche Herangehensweise der Teilnehmer zu beobachten. Während Steffi eine flotte Kombination aus emotionaler Inhaltsangabe und Anmerkungen einsetzt, nimmt Toby kein Blatt vor den Mund und schmückt auch nichts aus. Beide Varianten sind für mich unbezahlbar. Von Daddy Newman kommt gar nichts, was vermutlich daran liegt, dass Muttern beide Anmerkungsnotizen zusammenfassen und übermitteln wird. Doch sie hat erst gestern Abend angefangen zu lesen, also werde ich mich wohl noch ein wenig gedulden müssen. Auch der Rest der Testleser hat bescheid gegeben, dass nun begonnen wird und so habe ich sicher noch einige Tage das Vergnügen, regelmäßig Feedback zu erhalten. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie hilfreich und unverzichtbar das ist.

Aus der Not heraus, habe ich übrigens eine ganz neue Methode entdeckt, um meine geschriebenen Kapitel besser überarbeiten und beurteilen zu können. Normalerweise schreibe ich einen Abschnitt, denke nicht weiter darüber nach und lese ihn noch am selben Tag meinem Freund vor. Dieser ist geschickt im Umgang mit Worten, weil er Texter ist und sowieso gut darin, Dinge von außen zu betrachten. Seine Anmerkungen arbeite ich sofort ein und dann kommt das Kapitel aus den Augen, bis ich mit der richtigen Überarbeitung starte.

Nun bin ich aber plötzlich ganz alleine hier. Ich hab zwar nett gefragt, aber weder Maus noch Eichhörnchen wollten Testhörer sein. Also habe ich mal etwas Anderes versucht. Mithilfe der Sprachmemofunktion meines Handys habe ich die fertigen Kapitel eingelesen und dann einfach per Mail an meinen Freund geschickt. Beim abendlichen Telefonat konnte er mir so seine Meinung mitteilen und ich war wieder im Flow. Der unerwartete Nebeneffekt ist aber das eigentlich Geniale an der Sache.

Um die Qualität zu testen, habe ich kurz in die Aufnahmen reingehört. Und dann … konnte ich nicht mehr weghören. Abgesehen von den kurzen Unterbrechungen, wenn mich mal wieder eine Motte oder eine Mücke während der Aufzeichnung attackiert hat, fühlte es sich nämlich an wie Hörbuchhören. Und das ist wirklich echt toll! Wenn ich lese oder vorlese, kann ich nur schwerlich die Qualität des Textes beurteilen. Wenn ich nun aber bloß zuhören muss, betreten wir ganz neue Überarbeitungsdimensionen. Es ist so toll! Ich sollte das ab jetzt immer so machen!

Ansonsten bin ich weiter stiller Beobachter der Natur. Gestern haben Oma und ich einen Plastikbecher in eines der Maulwurfslöcher gesteckt. Heute Früh lag er einen Meter neben dem Tunnelausgang und ein frischer Hügel aufgeworfener Erde gleich daneben. Und eben, als ich gerade etwas hungrig wurde, entdeckte ich einen Vogel vorm Haus. Ich glaube ein Spatz. Erst fand ich ihn noch süß, doch dann stürzte er sich raubvogelartig auf einen hübschen Schmetterling und verschlang ihn noch zwischen Angriff und Abflug. Mir ist der Appetit vergangen aber so läuft es eben, in der Natur. Laute Eichhörnchen auf dem Dach, zermatschte Gewitterfliegen auf der Tastatur und Killerspatzen.

Ich sende euch Grüße aus der Ferne und lasse wieder von mir hören!

 

Laura Newman

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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